In den italienischen Stiefel schlüpfen …

IMG_20140717_162508Mit dem Zug  zu reisen, bedeutet nicht einfach ohne Auto zu fahren. Mit dem Zug reisen eröffnet mir Welten. Und nirgendwohin reiste ich so gerne mit dem Zug, wie nach Italien.

Mit dem Zug nach Italien zu reisen, ist für mich ein Hineinschlüpfen in den italienischen Stiefel, ein Hineinschlüpfen in tausendundeine Geschichten. Ich wollte das Land kennen lernen und seine Menschen und verstehen warum Professor Materazzi in seinen Vorlesungen über Politik und Landeskunde immer so wütend war. Ich hätte mir dafür keine bessere Art aussuchen können, als mit Bahn und Bus immer die Küste entlang zu fahren, von der slowenischen Grenze zur französischen.

Die ÖBB-Zugstrecke führt von Wien Meidling (Abfaht 19.30) nach Rom (Ankunft 9.30) und ist je nach gebuchter Kategorie mehr oder weniger gemütlich. Will man auf die Adria-Seite, steigt man (um 5 Uhr früh) in Bologna um, will man Richtung Neapel, fährt man bis zur Endstation. Wer in die Toskana möchte, steigt in Florenz aus.

All diese Strecken bin ich unendlich oft gefahren. Ich kenne die engen Täler nach Kärnten, die weiten Felder vor Bologna. Ich kenne die Strecke Bologna – Ancona wo die Schienen so nah am Wasser gebaut sind, dass man die Hand aus dem Zugfenster ins Meer tauchen möchte. Ich kenne die österreichischen Eigenheiten und die italienischen Verspätungen, die vollen Züge, die Fahrkartenautomaten und ich weiß in welchen Stationen es gar keine Fahrkartenautomaten gibt. All die Ausreden der beim Schwarzfahren Erwischten habe ich tausende Male gehört. Und manche selber verwendet.

Ich kenne die Horrorgeschichten von betäubten und ausgeraubten Zugreisenden genauso, wie die Lebensgeschichten vieler Mitreisender – von der Putzfrau aus Triest, die über Wien in die ukrainische Heimat reist, um ihre Mutter zu beerdigen, bis zum knapp volljährigen holländischen Backpacker, der in Rom seine dort auf Urlaub weilende Familie besucht und ein Kopfwehpulver braucht. Ich kenne das Lieblingscafé von Maria, die täglich nach Lecce zur Arbeit pendelt – ein Geheimtipp auf der Piazza, den ich im Reiseführer nie gefunden hätte. Ich weiß bei welchem Bahnübergang der Zug im Gargano-Gebirge stehen bleibt, damit der Bauer ums Eck dem Zugschaffner seine Tomaten beim Fenster hineinreichen kann. Ich kenne Roberto, den Zugfahrer, der nachts zwischen Ferrara und Bologna pendelt, wo er dann den Morgen-Zug übernimmt und sich die Strecke über die Zeit mit einer Partie Schach auf seinem iPad vertreibt – gerne mit anderen Fahrgästen. Ich habe den kleinen Cesare kennengelernt und seine Großmütter und eine Ahnung bekommen, wie man italienische Machomänner heranzieht. Und nicht zuletzt habe ich ein Stück Geschichte erlebt: die vielen Ankommenden, Geflüchteten – ich habe die Schiffe gesehen, die sie aufgesammelt und erstversorgt haben, die Dörfer, in denen sie aufgenommen wurden, und die Felsen, von denen sie sich auf ihrer Weiterreise stürzen, weil sie Europa nicht willkommen sind.

In 6 Etappen habe ich Italien an seiner Küste entlang von der slowenischen Grenze bis zur französischen bereist – und mehrmals auch das Land durchquert. Mit ohne Auto. Ich wollte das Land kennen lernen und habe schließlich ein Stück Europa verstanden.

Wer bin ich am Ende selber? Mit dem Zug fahren, heißt mehr als ohne Auto zu reisen. Ich möchte die Reise noch einmal machen, sie hier aus meinen Notizen und Fotos erzählen. Kommst du mit?

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Reset

Seit mittlerweile sechs Jahren ist mir das große Themenfeld “Nachhaltig leben und reisen” wichtig. Besonders was das Reisen betrifft, habe ich viel gesammelt, getestet, gelebt und – auch mir selbst – gezeigt: ein Leben #mitohneauto ist nicht nur machbarer als man im ersten Moment glauben möchte, sondern auch lebenswerter – ich kann es mir auch gar nicht mehr anders vorstellen.

Wenn ich daran denke, welche tollen Orte ich durch das Langsame Reisen entdeckt habe, welche wunderbaren Menschen ich unterwegs kennen lernen durfte und wie oft mir weiter geholfen wurde, wenn die Dinge dann doch anders kamen als geplant … dafür bin ich sehr dankbar. Und auch dafür, dass ich Städte und Menschen kennen gelernt habe, die mich hinter die Kulissen Europas blicken haben lassen. Es hilft mir, dieses Europa besser zu verstehen.

Mit dem Blog hier ist es weit weniger gut gelaufen. Er ist verkümmert und verwaist, was leider glücklicherweise mit anderen Projekten zu tun hat, die mich in Anspruch nehmen. Das Thema Nachhaltig Reisen indes ist für mich nicht weniger wichtig geworden: 16 verschiedene Städte habe ich im vergangenen Jahr bereist, die meisten davon beruflich, manche davon mehrmals. Und so oft es möglich war, habe ich mich für öffentliche Verkehrsmittel entschieden. Von Den Haag bis nach Wien, zum Beispiel, über Utrecht und Düsseldorf. Und …wäre ich sonst in meinem Leben jemals nach Gouda gekommen? Eben!

Ich liebe diese Geschichten, die sich mir #mitohneauto auftun. Und ich möchte den Resest-Button drücken und sie hier (wieder) zu erzählen beginnen. Ich glaube, dass sie immer wichtiger sein werden, wollen wir unseren Kindern und Enkelkindern eine lebenswerte Welt übergeben.